18. November 2017

Eine ZDF-Dokumentation erregt die Gemüter. Trifft der Begriff "Dokumentation" allein aus journalistischer Sicht zu? Oder handelt es sich eher um eine Tendenz-Berichterstattung mit dem Ziel die Prostitutionsbranche zu verunglimpfen und einzelne Personen zu diskreditieren?
Wir nehmen Stellung:

Öffentliche Stellungnahme
gegen ZDF-Doku
„Bordell Deutschland - Milliardengeschäft Prostitution"

Als Interviewpartnerin in obiger ZDF-Dokumentation, in der ich zu meinen Erfahrungen als Sexarbeiterin und Vorsitzende des Bundesverbandes Sexuelle Dienstleistungen (BSD) e. V. befragt wurde, fühle ich mich nicht ernst genommen und hintergangen.

Offensichtlich war dem Journalisten, der Produktionsgesellschaft und dem ZDF von vornherein das Ziel dieser "größten" Recherche der Prostitution klar:
Die Ausbeutung, die Gewalt, die Kriminalität, die Unfreiwilligkeit, die Verletzungen, insbesondere die der sexuellen Selbstbestimmung sollten drastisch und überzogen dargestellt werden, nicht in Kontext gesetzt werden und vor allem sollte abgelenkt werden von dem was die Akteure der Sexarbeit (Sexarbeiter*innen, Kunden und BordellbetreiberInnen) von ihrer Realität und ihren Forderungen vorzutragen haben.
Den ProstitutionsgegnerInnen wurde eine breite Plattform geboten – auf Kosten des Respekts gegenüber Sexarbeiter*innen, ihren Grund- und Menschen-Rechten, den tatsächlichen Bedingungen in der Branche und ihren Forderungen.

Überwiegend findet Prostitution unter guten geschäftlichen Bedingungen statt: die Geschäftsbeziehungen sind fair, die Räume sauber und alle Beteiligten gehen respektvoll miteinander um.
Und JA, Missstände in der Prostitutionsbranche können nicht hingenommen werden – erst recht nicht, wenn es sich um Straftaten handelt. Das leugnen wir nicht, sondern bekämpfen dies. Aber die Prostitutionsbranche auch nicht schlechter als andere Branchen.

Gegen die Missstände hilft nicht ein Verbot der Prostitution, sondern eine konsequente Anerkennung der Branche, deren Eingliederung in das sonstige Erwerbs- und Wirtschaftsleben und die Ausstattung aller beteiligten Personen mit Rechten, Empowerment und Professionalisierung. Hieran ist die Politik, die Behörden und die Gesellschaft jedoch nicht interessiert, wie auch nicht am Ausstieg – sonst gäbe es zumindest Ausstiegshilfen.

Der Beitrag entspricht sicher nicht journalistischen Anforderungen, denn er ist tendenziös, unausgewogen, paternalistisch und stellt zum größten Teil die Branche in ein völlig falsches Licht.
Doch hier will ich mich im Detail nicht weiter abarbeiten und verweise gern auf die ausführliche Stellungnahme von Dona Carmen „Mit Fake News Stimmungsmache gegen ‚freiwillige Prostitution‘ „: www.donacarmen.de/zdf-doku-bordell-deutschland

Ich muss jedoch auf die Falschbeschuldigungen, die meine Person betreffen, eingehen (und behalte mir selbstverständlich entsprechende juristische Schritte gegen die Verantwortlichen vor):

1.) die Anmoderation unterstellte mir: „mit dem neuen Gesetz grundsätzlich zufrieden“ zu sein.
Das ist falsch! Ich habe mich bisher immer gegen das ProstSchG ausgesprochen, auch in öffentlichen Stellungnahmen, besonders gegenüber der Bundesregierung. Allerdings habe ich immer eine Erweiterung des ProstG gefordert, z. B. deren Übertragung auf das Gewerberecht. Hier habe ich auch entsprechende Vorschläge erarbeitet. http://www.bsd-ev.info/publikationen/index.php

2.) Die Spiegel-Journalistin Ann-Katrin Müller behauptete, die Lobby-Verbände, wo sie auch den BSD zuzählt, würden nicht die Belange der Prostituierten vertreten und sie seien nicht seriös. Das ist falsch! Ja, Mitglieder des BSD sind BordellbetreiberInnen, selbstständige Sexarbeiter*innen und Fördermitglieder. Ja, der BSD versteht sich als Lobby-Verband. So ist das in unserem Land. Auch die Ärzte, Schausteller, Hoteliers, Journalisten und alle anderen vertreten durch ihre Verbände ihre Interessen gegenüber der Politik und der Gesellschaft. Im Gegensatz zu allen anderen können wir jedoch nicht von irgendeiner erfolgreichen Einflussnahme sprechen – im Gegenteil.
Der Vorwurf „nicht seriös“ zu ein, stellt eine falsche Behauptung dar: als Verein agieren wir im Rahmen der satzungsgemäßen Aufgaben und halten uns selbstverständlich an Recht und Gesetz.

3.) Weiter behauptet Frau Müller, dass die Lobby-Verbände die ProstitutionsgegnerInnen „hart bekämpften“. Als Beleg wird ein Zitat aus dem Brief einer Freiergruppe vom 08. Dez. 2014 an Frau Huschke Mau eingeblendet und mir unterstellt. Das ist falsch! Ich diskreditiere und verunglimpfe niemanden, auch Frau Huschke Mau nicht, obwohl diese mich mehrmals persönlich angegriffen hat. Denn Huschke Mau ist ja nur ein Pseudonym. Selbstverständlich hat diese auch nie das Gespräch mit mir gesucht, wie auch Frau Müller nicht, was sie nicht davon abhält über mich, meine Haltung und Werte und Aktivitäten falsch zu berichten.

Ich setze mich seit vielen Jahren für die Vermittlung eines realistischen Bildes der Prostitution ein, verschweige nicht die Missstände hier, aber suche nach Lösungen für jede Situation. Denn die Welt ist nicht schwarz-weiß und leichte Lösungen gibt es nicht. Und es geht mir immer um Toleranz, Vielfalt und Freiheiten – für Alle – ohne Ausnahme.

Stephanie Klee/Vorstand BSD e. V. Nov. 2017
www.bsd-ev.info

https://www.youtube.com/watch?v=9OBiMCBar8I


Öffentliche Stellungnahme [328 KB]